Sunset Boulevard

Rosa Sonnenschein räkelt sich geziert graziös auf ihrem grünen Cannapee. Mit einem der blau lackierten langen schlanken Finger der linken Hand deutet sie vage in Richtung einer mit Glasscherben reich verzierten goldfarbenen Dose:

"Nehmen Sie sich ruhig, die schickt mir wöchentlich Herr Rubinstein! Sie wissen schon der Moderator von 'Bonbons die die Welt verzaubern'. Es ist eine Eigencreation, die er mir 1952 anläßlich meiner Gala für notleidende Schlachter widmete. Das Motto hieß übrigens: 'Möhrchen zu Me(h)rschweinen - Klein Vieh macht auch Mist!' Ein Freund, der leider früh gestorben ist, hat es erdacht. Er war ja so begabt..."

Sie seufzt leise, aber mit der Tiefe getragener Trauer. "Careless Carots, heißen die Pralines übrigens, sie bestehen wirklich zu 34% aus Karotten, versetzt mit Kokosnußkrokant, Fleks aus Johannisbrotmehl und einem Schüßchen" ihr Mund wirft zugespitzt tausende haarfeine Fältchen ins geliftete Umland "weißem Rum überzogen mit zartherber Schokolade."

Ich frage mich, ob die beiden ein intimes Verhältnis, hatten und laut: "Von wem sprechen sie Frau Sonnenschein?" "Oh nennen sie mich ruhig Rosa, alle Welt tut es: Unser Sonnenschein Rosa - und die Sonne geht auf" Sie lächelt. Diesmal weist der blaue Zeiger auf ein paar Zeitungsberichte aus dem Jahr '54, die auf einem Beistelltischen zu meiner rechten wie zufällig aus einem Stapel Papiere ragen. Ein zweiter Blick offenbart die Herkunft auch der übrigen Ausschnitte, allesamt natürlich aus 'Menschen MoriBunt', jener Boulevard Zeitung aus dem Verlag ihres Gönners Pius IV, die 15 Jahre lang (erstaunliche 10 Jahre länger als ihre aktive Karriere!) den Mythos mit Leben zu füllen wußte.

War es zunächst die für damalige Verhältnisse außergewöhnlich frivole Ausstrahlung der jungen Sängerin, mit der sich fast alle Großen des Showbizz im Laufe der Zeit einmal schmückten, so wurde es im Laufe der Zeit ihre Kette aus Depressionen, unterbrochen von verzweifelten Versuchen wieder die alte Stellung einzunehmen, die immer wieder für Schlagzeilen sorgten. Ihre Stimme, die schon damals nicht das ausschlaggebende Kriterium für ihren Bühnenerfolg war, wurde im Laufe der Zeit und unter dem Einfluß ihres ausschweifenden Lebens nicht eben besser, die kokett freche Bühnenpräsenz, die zu ihrer Zeit bei Fronteinsätzen das ausgehungerte soldatische Publikum zu begeistern wußte, wirkte im inzwischen vielfältigeren und sexuell befreiten Kulturbetrieb altbacken prüde und lockte, außer alten Kameraden, keinen Hund mehr hinterm Sessel vor. Trotz mittlerweile (geschätzten) 27 Liftings, mehreren Werbe- und Kontaktkampagnen, die keine Kosten und Mühen scheuten, gelang der Durchbruch nicht mehr.

Als schließlich im Jahre 62 das Jodelwunder Kicki Kessekehle nicht nur die Charts sondern auch den Platz an Pius Seite einnahm, kam es zu einer Verzweiflungstat der Rosa Sonnenschein, die übrigens mit bürgerlichem Namen Gundel Borchert heißt und seither, nach dem mißglückten Säureattentat, das eigentlich Kicki treffen sollte und stattdessen Pius um sein Gesicht brachte, draußen vor der Tür oder besser außen vor, in der Villa Sonnenschein, die letzten 36 Jahre verbrachte.

Offensichtlich hat sie diesen Teil der Geschichte erfolgreich verdrängt, denn als ich jetzt, in die Offensive gehend, frage: "Wie geht es denn Pius dem IV.?" der, wie ich weiß, nach ihrem Anschlag nur noch wenige Monate lebte, zuckt sie nicht mal mit einer der kunstvoll verlängerten Wimpern und antwortet: ""Pius? Wir sehen uns fast täglich, gerade heute erwarte ich ihn zum Dinner. Er will mir einen Freund aus New York vorstellen, der meine nächste internationale Tournee durchführen wird. Es handelt sich um eine Agentur mit besonders guten Verbindugen nach Asien, denn Tokyo hat dringend um mein Erscheinen gebeten und in Südamerika habe ich ja im letzten Jahr einen nie dagewesenen Erfolg gefeiert..."

Sie hätte mir wahrscheinlich noch stundenlang von nie dagewesenen Erfolgen erzählt, aber dem Himmel sei Dank, war meine Audienz mit ihrem Pflegepersonal abgestimmt, so daß ich mich schon weniges später, als Beauftragter des nie dagewesenen Sonnenschein-Gedächtnis-Clubs, auf dringenden Anruf hin verabschieden konnte.



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