A. Beutel, B. Käfer und
R. Kipling gewidmet

Die Falle

Der heißeste Tag meines Jahres ging zu Ende.

Als endlich erhoffter Regen versiegte und meine Sonne gerade hinter den letzten flüchtenden Wolken erschien, lugte ich dem Blatt der Buche hervor, das ich zum Schutz meiner Flügel aufgesucht hatte.

Doch nicht zu weit, denn das ist gefährlich!

Einmal sah ich, wie jemand zu früh seinen Schutz verließ und von einem letzten verirrten Tropfen getroffen wurde, der ihm mit lautem Getose auf den Rücken klatschte, ihn vom Ast schleuderte und tief zu Boden riß. Man hat ihn nie wieder gesehen.

Man hat aber auch nie nach ihm gesucht. Vielleicht führt er dort unten ein besseres Leben?

Ich bin ein Käfer mit vernünftigem, präzise erkennendem Verstand; ich weiß drohenden Gefahren vorausschauend zu begegnen. Ansonsten wäre ich kaum vier Monate alt geworden. Ich blicke darum, wenn ich meinen Schutz verlasse, zuerst nach oben, um Tropfen, die über mir hängen oder gerade herunterfallen wollen, rechtzeitig zu erkennen und ihnen mit aller Kraft und Geschicklichkeit auszuweichen.

Nicht die drohende Gefahr macht mir das Leben schwer, sondern meine Angst vor ihr.

Meine Sonne erhellte die Natur schlagartig mit gleißendem Licht, so daß ich ein wenig erschreckt unter mein Buchenblatt zurückkroch. Schnell gewöhnten sich meine Augen an die Helligkeit.

Als ich wieder sah, dampfte der Wald. Feuchte Wärme stieg vom Boden zu mir herauf, und ihr schwerer Erdgeruch beglückte und berauschte meine Sinne.

Ich wendete mich ein wenig und sah zu meiner Fichte hinüber. An ihren Nadeln hingen blitzende Wasserperlen, von denen manchmal eine zu Boden fiel und jedem großes Unglück bringen konnte.

Die Buche ist nicht mein Baum, denn hier finde ich nichts Leckeres. Mein Baum ist die nasse Fichte dort, diese herrlich schlank gewachsene Fichte mit ihrer wunderbar weichen Borke.

Der Regen überraschte mich im Flug und trieb mich zum nächsten Schutz. Ich wollte nicht riskieren, während meiner Rückkehr zur Fichte von einem Tropfen getroffen zu werden, und vergrub mich deshalb unter das Blatt der Buche. Natürlich hätte ich eigentlich unter meiner delikaten Borke bleiben sollen, denn daß es regnen würde, wußte ich schon Stunden vorher.

Ein wenig Gefahr, ein bißchen Irrationalität ist das Salz des Käferlebens: es macht ihn aufmerksam gegen wirkliche Gefahr!

Ich fühlte mich zunehmend unwohl unter meinem Buchenblatt. Die Buche ist gefährlich. Die lichte Buche gibt jedem feindlichen Vogel die Möglichkeit, mich auszupicken und zu verschlingen. Ihre Borke ist zu hart, um mich darunter zu vergraben. Außerdem schmeckt sie scheußlich.

Die feine Fichtenborke schmeckt süß, und ich könnte immer von ihr essen.

Der hat nie gelebt, der sich nicht wenigstens einmal im Leben, an einem heißen Spätsommertag, mittags unter einer kühlenden Fichtenborke ausgestreckt hat hier und da auch eine Stück Borke verzehrend!

Der einzige glückliche Ort ist unter einer Fichtenborke. Dort habe ich keine Angst vor hungrigen Vögeln, bin vor Sturm geschützt und habe Nahrung im Überfluß.

Die Sonne brannte jetzt wieder, und die Natur trocknete sich in ihrem Licht. Auch die listigen Vögel begannen ihr Geschrei.

Kann ich es jetzt wagen, zu meiner Fichte zu fliegen? Flöge ich zu früh, könnte mich vielleicht ein später Regentropfen treffen; flöge ich jedoch später, bestünde die Möglichkeit, von grausigen Vögeln gefressen zu werden, die es sich im Augenblick noch in ihren Nestern wohlergehen lassen. (Etwas irritiert mich!) Nähme ich mir jedoch die Zeit, um beide Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen (Ich rieche etwas!), dann wäre ich geradezu gezwungen, später zu fliegen und würde mich also der ersten Möglichkeit berauben. Da ich meine Entscheidungsfreiheit (Was ist das für ein merkwürdiger Geruch?) liebe und bewahren möchte, überlege ich nicht lange und fliege sofort!

* * *

Er kroch unter seinem Blatt hervor, blickte nicht einmal ängstlich um sich, wie er es normalerweise getan hätte, um versteckte Freßfeinde und späte Tropfen rechtzeitig zu erkennen, breitete seine grauen Flügel aus und hob ab.

Es war der Geruch! Der Geruch hatte ihn verwandelt. Wonach roch es? Er konnte es nicht sagen noch nicht sagen. Er hatte so etwas Angenehmes, Betäubendes, ja geradezu Hypnotisierendes und absolut Evidentes noch niemals in seinem Leben gerochen. Es reizte nicht nur seine Geruchsnerven, es durchzog in warmen Strömen seinen ganzen Körper und jedes seiner sechs Beine. Nicht nur sein Verstand, sondern jede Faser seiner Muskeln begehrte zu der Quelle des zauberhaften Geruchs. Sicher war sein bisheriges Leben äusserst angenehm gewesen, doch erschienen ihm jetzt, verglichen mit dem Geruch, seine herrliche Sonne, das Blau des Himmels, die Wärme der Erde und die delikate Borke Krönung allen Daseins nur ein schwacher Abglanz kommender Genüsse, die er an der Quelle des Geruchs vermutete.

Alle reiflich durchdachten Entscheidungen, zurechtgelegten Vorsichtsmaßnahmen und antrainierten Versicherungen verloren durch den Geruch ihre Gültigkeit. Es war nur noch der Geruch, und den Ursprung des Geruchs zu entdecken, war das einzige Gebot auch der Vernunft.

Er flog den längsten Flug seines Lebens; flog ungeachtet später Tropfen, feindlicher Vögel und sonstiger Widrigkeiten, die einem Käfer unter solchen Umständen zustoßen konnten; ließ wunderbare Fichtenstämme, die noch viel delikater aussahen als sein Zuhause, ungesehen vorüberziehen und erreichte einen fremden Wald. Je näher er diesem Wald kam, desto berauschender wurde der Geruch. Nichts auf der Welt selbst der wohlmeinendste Freund nicht hätte ihn jetzt noch davon abhalten können, den letzten Flug zu tun.

Er sah, wie sich der grüngraue Kasten näherte, und wußte sogleich, daß sich der Sinn seines Lebens darin befand. Er sah die feinen Schlitze, die der Falle das Aussehen eines überdimensionalen Reibbrettes verliehen, und freute sich gleichzeitig, daß diese gerade so schmal waren, um bequem durchzuschlüpfen. Ohne Zeit zu verlieren, landete er in einem Schlitz und blickte in sein Inneres.

Dort oben, am höchsten Punkt der Falle, hing er: der geruchsschwangere Beutel, Ziel seiner Lust.

Sofort versuchte er ihn zu erreichen, rutschte jedoch an seiner glatten Oberfläche ab und fiel auf den Boden der Falle.

Hier unten wimmelte es von Käfern, die, ohne einander Beachtung zu schenken, unermüdlich versuchten, die glatte Fallenwand emporzuklettern, allesamt angetrieben von dem wunderbar riechenden Beutel, der hoch oben in der Falle hin und her pendelte. Einige Käfer erreichten die Höhe weniger Zentimeter, manche nur Millimeter, doch alle glitten endlich an der glatten Fallenwand aus und rutschten gemächlich auf den Boden des Kastens zurück. Ganz und gar zum Scheitern verurteilt war demnach ihr Versuch, einen der Schlitze zu erreichen, die Rückwege in die Freiheit bedeuteten, da sich die erste Reihe dieser Fluchtlöcher fast zehn Zentimeter hoch über den Köpfen der winzigen Käfer befand. Einige von ihnen machten verzweifelte Versuche, doch noch zum Beutel zu gelangen, indem sie ihre grauen Flügel ausbreiteten und fliegend emporschnellten; doch war ihr Vorhaben aufgrund der speziellen Art der Falle, die sich nach unten hin verjüngte, völlig sinnlos.

Ach! könnte ich nur einen Schlitz erreichen! Von dort wäre es viel einfacher zu dem Beutel zu gelangen.

Durch einige Schlitze leuchtete das Blau des Himmels, durch andere fielen späte Sonnenstrahlen, die den Beutel rötlich umspielten, der, vom sanften Sommerwind bewegt, hoch oben in der Falle schwang und einen wunderbaren Geruch verströmte.

Martin Schwarzin



Auszug aus Bucklichter Dronte erschienen 2004 im Haller Verlag.

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© 2004 Martin Schwarzin - Letzte Änderung/Last Edited: 28.7.2006